Dienstag, 10. März 2015

21 Grams - Anne Will "Mein Film"

©Silke Weinsheimer
Die seit 2011 laufende Veranstaltungsreihe "Mein Film" der deutschen Filmakademie ging am 05.03.2015 in der Astor Filmlounge in Berlin in die siebte Runde. Nach Gästen wie Per Steinbrück, Paul Breitner, Angela Merkel und Judith Holofernes stand am vergangenen Donnerstag der Lieblingsfilm von Anne Will im Fokus.

Doch worum handelt es sich bei "Mein Film" eigentlich?
Herausragende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sollen ihren Lieblingsfilm vorstellen, der in welcher Art und Weise auch immer, das Leben der Person geprägt hat. Hierbei handelt es sich um ein persönliches Bekenntnis oder um eine Offenbarung, der tiefe Einblicke hinter die Fassade der Prominenz gibt. Einziges Kriterium ist, dass der Gast nicht aus der Filmbranche stammen darf, denn hier geht es nicht um das typische Fachsimpeln eingefleischter Cineasten, sondern um die Gedankengänge und Gefühle, die der Film bei Leuten auslöst, welche nicht hauptberuflich mit der Filmbranche in Kontakt stehen.

Nach ein paar einleitenden Worten der Präsidentin der deutschen Filmakademie, Iris Berben, betrat Anne Will die Bühne um zu erläutern weshalb sie "21 Grams" mitgebracht hat. Gelächter machte sich im Publikum breit als sie zugab, dass sie zunächst den allseits beliebten Disney Klassiker "Bambi" mitbringen wollte. Jedoch wurde Ihr im Freundes- und Bekanntenkreis davon abgeraten. Auf der Suche nach einer Alternative dachte Anne an "21 Grams", da dieser Streifen oftmals für Denk- sowie Diskussionsanstöße herhalten musste. So fiel die Entscheidung letztendlich auf diesen Film, obgleich sie wusste, dass es sich hierbei um einen Film handelt, der düster ist und durch seinen Tiefgang nicht als leichte Kost abgestempelt werden kann. Vor allem die Suche nach einer Originalkopie des Films mit deutschem Untertitel gestaltete sich im Vorfeld der Veranstaltung recht schwer. Glücklicherweise konnte der Constantin Filmverleih noch eine Kopie im Archiv finden.

"21 Grams" ©2003, Focus Features
So konnte die Vorstellung von "21 Grams" glücklicherweise doch wie geplant stattfinden. Bei dem Film handelt es sich um einen Episodenfilm, der vom frisch oscarprämierten Regisseur Alejandro González Iñárritu inszeniert und im Jahre 2003 veröffentlicht wurde. Er erzählt die Geschichte von drei Personen, die durch einen Schicksalschlag miteinander verbunden sind.  Im Verlauf der Story wechselt die zeitliche Erzählebene ständig. Der Regisseur arbeitet dabei immer wieder mit knallharten Schnitten. So wird etwa direkt nach einer ruhigen Trauerszene eine wilde Partie gefeiert. Vollkommen unerwartet beginnt die nächste Szene und der Zuschauer muss sich erstmal wieder sammeln und schauen wo man sich nun befindet. Dadurch bindet Alejandro die Zuschauer an den Film, denn wer nicht aufpasst, dem droht der Film zu entgleiten. Obwohl "21 Grams" zunächst durch seine Struktur sehr verwirrend wirkt, lichtet sich mit der Zeit der Schleier und die verwobene Geschichte kann sich gänzlich entfalten. Ein Puzzleteil fügt sich ins nächste und am Ende hat man eine großartig erzählte Geschichte mit einer Starbesetzung, die wie ein Zahnrad ineinander greift. Großes Kino, das zum diskutieren anregt.

"21 Grams" ©2003, Focus Features
Dementsprechend gab es im Anschluss eine Podiumsdiskussion zwischen Anne Will und Marc Bauder, seineszeichens Regisseur und Mitglied der deutschen Filmakademie. Darüber hinaus ist er zusammen mit seinem Bruder Christopher Bauder maßgeblich verantwortlich für die Lichtgrenze in Berlin gewesen, die vom 7. November bis 9. Novemberin Berlin zum 25. Jubiläum des Mauerfalls zu sehen war.
Unter Zustimmung von Anne Will lobte Marc Bauder "21 Grams" indem er den Film als erstklassig titulierte. Er sagte, dass es sich um einen Film handle, der ein breites Spektrum an Emotionen bediene und tiefgehende Fragen aufwerfe. Während der Filmbesprechung wurden verschiedene Szenen des Films diskutiert, aber auch weitergehende Themen wurden besprochen. So stellte Marc Bauder die Frage, wie es käme, dass es uns Menschen trotz zahlreichen und leichteren Kommunikationswegen als früher immer schwerer falle mit unseren Mitmenschen zu kommunizieren. Stellt man sich einen ganz normalen Tag vor, so entsteht doch häufig folgende Situation: Man will nur ganz kurz aufs Handy schauen und wird direkt mit Nachrichten von Twitter, Facebook, SMS, E-Mail und WhatsApp überschwemmt. Selbst wenn man Personen sieht, die gerade mit Freunden oder Bekannten unterwegs sind, wird ständig aufs Handy geschaut. Sollte man sich nicht auf die Mitmenschen konzentrieren statt sich durch jede Kleinigkeit, die auf dem Display aufleuchtet unterbrechen zu lassen? Fakt ist, dass wir zu sehr von anderen Dingen abgelenkt werden, die uns in Sachen Kommunikation und Menschennähe dazwischen kommen. Zu diesem Schluss kam auch Anne im Gespräch und führte anschließend den Überfluss an Informationen an. Onlinemedien, Nachrichten, soziale Netzwerke, YouTube, Wikipedia - überall kann man sich Informationen besorgen und von allen Seiten prasseln diese auf uns ein. Doch die meisten Informationen, die wir aufnehmen sind nur kurzlebig. Ein Grund dafür ist, dass wir uns nur kurz damit befassen und im nächsten Moment gibt es bereits tausende von neuen Meldungen für die unser Gehirn erst wieder Platz schaffen muss und dadurch das zuvor aufgenommene wissen direkt wieder ausgeblendet wird. Um dem entgegen zu wirken müssten die Menschen sich wieder auf die wichtigen Dinge fokussieren. Dinge die einem wichtig sind? Da wären wir schon bei der Frage. "Wer will ich eigentlich sein?"

Diese Frage lasse ich für Euch einfach mal unkommentiert stehen. Feel free to think about it!

"21 Grams" ©2003, Focus Features
Schlussendlich muss ich sagen, dass es sich bei der "Mein Film" Veranstaltungsreihe um ein absolut schönes Event der deutschen Filmakademie handelt. Es war schön einen älteren Film auf der heutigen Kinoleinwand zu sehen. Auf der einen Seite hat man dieses technisch in die Jahre gekommene Werk, auf der anderen Seite das moderne Eventkino. Eine Mischung, die es meiner Meinung zu selten gibt. Schade fand ich, dass der Altersschnitt im Publikum recht hoch war. Damit habe ich nicht gerechnet, da es sich hier um ein wirklich interessantes und spannendes Projekt handelt. Dazu dieser hochkarätiger Streifen und die inspirierende Podiumsdiskussion im Anschluss, die mich selbst vier Tage später noch gedankenvoll macht.

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